Julius-Maximilians-Universität Würzburg
: Jeder Dritte, der eine Erkrankung mit Dickdarmkrebs überlebt, bekommt
später Metastasen. Diese sind in einem Punkt immer mit dem Anfangstumor
identisch, wie Würzburger Mediziner herausgefunden haben. Für Diagnostik
und Therapie hat das Konsequenzen.
Rund 60 Prozent aller Tumoren des Dickdarms sprechen auf eine spezielle
Behandlung an: Den Patienten wird dabei zusätzlich zur Chemotherapie ein
Antikörper verabreicht, der sich an das so genannte EGF-Protein der
Tumorzellen bindet. Deren Wachstum wird dadurch blockiert.
Seit Anfang 2008 ist dieser Antikörper in Deutschland zur Behandlung
von metastasiertem Dickdarmkrebs zugelassen. Erst kurz vorher hatte man
herausgefunden, welche Patienten auf den Antikörper ansprechen und
welche nicht: Immer wenn in den Tumoren das Gen KRAS mutiert ist,
versagt der Antikörper. Stellen Pathologen diese Mutation bei der
Untersuchung des Tumorgewebes fest, so ist eine Therapie mit dem
Antikörper von vornherein aussichtslos.
Metastasierung: KRAS-Gen verändert sich nicht
Mediziner von der Universität Würzburg haben jetzt entdeckt: Wenn bei
Dickdarmkrebs-Patienten Metastasen auftreten, dann sieht deren KRAS-Gen
immer so aus wie im Anfangstumor: War es dort mutiert, ist es in den
Metastasen ebenfalls mutiert. War das Gen im Tumor normal, dann ist das
auch in den Metastasen so. "Selbstverständlich ist dieses Phänomen nicht, denn manche Tumoren
verändern bei der Metastasierung ihre Eigenschaften", sagt
Pathologie-Professor Stefan Gattenlöhner von der Universität Würzburg.
Ergebnisse in Fachjournal publiziert
Dass der Zustand des KRAS-Gens in den Metastasen immer der gleiche ist
wie im Anfangstumor, hat Stefan Gattenlöhner gemeinsam mit den
Würzburger Professoren Hans Konrad Müller-Hermelink (Pathologie) und
Christoph-Thomas Germer (Chirurgie) herausgefunden.
Die Wissenschaftler
hatten dafür die Tumoren von 106 Dickdarmkrebs-Patienten mit insgesamt
268 Metastasen verglichen, die an verschiedenen Stellen des Körpers
gewachsen waren. Ihre Ergebnisse haben sie jetzt im New England Journal
of Medicine publiziert.
Konsequenzen für die Behandlung
Diese neue Erkenntnis lässt sich für die Therapie nutzen, wie Stefan
Gattenlöhner erklärt: "Denken Sie sich einen Patienten, der vor sechs
Jahren einen Dickdarmkrebs überstanden hat. Jetzt ist er wieder in
Behandlung, weil in seiner Lunge und in der Leber Metastasen sitzen. Um
herauszufinden, ob ihm die neue Antikörper-Therapie etwas bringen würde,
müssen wir erst gar keine Gewebeproben aus den Metastasen entnehmen -
was im Übrigen auch nicht immer machbar ist. Stattdessen können wir das
Gewebe des Anfangstumors untersuchen, denn das wird in den Kliniken
aufbewahrt. Wenn in diesem Gewebe das KRAS-Gen unverändert ist, dann
gilt das auch für die aktuellen Metastasen des Patienten. Also wird die
Antikörper-Therapie bei ihm wirken."
Die Antikörper-Therapie
"Der EGFR-Antikörper hat ein starkes Potenzial gegen Tumoren", sagt
Stefan Gattenlöhner. Bei einer Studie sei sogar beobachtet worden, dass
sich Lebermetastasen zurückbildeten, nachdem die Patienten
ausschließlich mit dem Antikörper behandelt wurden. Wenn sich dieser
Effekt in weiteren Untersuchungen bestätigt, könnte der Antikörper
zukünftig vielleicht zur alleinigen Therapieform bei metastasiertem
Dickdarmkrebs werden.
Der Einsatz des Antikörpers birgt allerdings auch ein mögliches Risiko:
In den Patienten, die von der Therapie profitieren, könnte es auch
einige wenige Krebszellen geben, die dem Antikörper widerstehen. Dann
würde im Lauf der Behandlung eventuell eine resistente Gruppe von
Krebszellen "herangezüchtet". Ob das in der Realität passiert, wollen
die Würzburger Forscher im Blick behalten.
Häufigkeit von Dickdarmkrebs
Jährlich erkranken in Deutschland schätzungsweise 37.000 Männer und
36.000 Frauen an Krebs des Dickdarms, Mastdarms oder Enddarms (Angaben
der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister und des
Robert-Koch-Instituts). Damit steht diese Tumorart auf dem zweiten Platz
sowohl bei der Häufigkeit als auch bei der Statistik der
Krebstodesursachen. Dickdarmkrebs gilt als Alterserkrankung. Bei
Menschen unter 45 ist er zwar möglich, aber vergleichsweise selten.
*K-ras Mutations and Cetuximab in Colorectal Cancer*, Gattenlöhner
S., Germer C., Müller-Hermelink H-K, New England Journal of Medicine,
19. Februar 2009, Vol. 360, Seiten 833-836
Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg