TU Chemnitz:
Die Musterproduktion eines neuen Schuhmodells ist heutzutage immer noch kostspielig und langwierig. Die Hersteller benötigen oft mehrere Monate, um eine Kollektion zu entwickeln. Bis das erste Muster auf Messen oder dem Handel vorgestellt werden kann, sind zahlreiche Arbeitsschritte notwendig.
Leisten, Sohlen und Absätze müssen entwickelt, Materialien bestellt werden. Dann werden die einzelnen Komponenten zu Modellen zusammengestellt und verschiedene Ausführungen angefertigt. Ein Forscherteam um Prof. Dr. Guido Brunnett, der die Professur für Graphische Datenverarbeitung und Visualisierung an der TU Chemnitz leitet, arbeitet gemeinsam mit dem Prüf- und Forschungsinstitut für die Schuhherstellung e.V. Pirmasens bereits seit mehreren Jahren daran, das Schuhdesign in der 3D-Welt zu perfektionieren
und möglichst früh Fehlentwicklungen bei der Modellherstellung zu vermeiden.
Durch das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit über die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) geförderte Projekt soll die Industrie in naher Zukunft enorme Kosten und Zeit bei der Musterproduktion von Schuhen einsparen. Die Chemnitzer Informatiker haben aufbauend auf ihren Erfahrungen im Virtuellen Prototyping im Schuhdesign die 3D-Modellierung vorangetrieben. Sie nutzen dafür eine stereoskopische Displaytechnologie und moderne Tracking-Systeme zur Objektverfolgung. "Die Interaktion zwischen dem Schuhdesigner und der virtuellen Darstellung des Schuhmodells erfolgt über ein Schuhformstück - den so genannten Leisten, den der Benutzer in einer
Hand hält.
Bewegungssensoren am Leisten übertragen dessen Bewegungen
auf das virtuelle Schuhmodell, ohne dass dabei Verzögerungen in der
Visualisierung entstehen", erläutert Informatiker Tom Kühnert. In der
anderen Hand führt der Designer einen Auswahlstift, mit dem er
grundlegende Designlinien auf das Formstück zeichnet. Diese Designlinien
sind die Basis der realitätsnahen stereoskopischen Visualisierung des
künftigen Schuhs, die nahezu in Echtzeit und mit hoher Genauigkeit am
Bildschirm entsteht.
Auch Farben, Materialarten, Details der Nähte, Absätze,
Schaftkanten, Sohlen oder Schmuckelemente können mit Hilfe dieses Stiftes
ausgewählt, kombiniert und anhand des virtuellen Schuhmodells sofort
beurteilt werden. "Der Designer, aber auch Außenstehende, erhalten auf
diese Weise ohne Mehraufwand einen sehr anschaulichen Eindruck vom
künftigen Schuh", sagt Kühnert.
Da die Designlinien bei der Modellierung eine zentrale Rolle spielen,
entwickelten die Informatiker ein System, das dem Zeichnen auf Papier
angelehnt ist und viele Zeichentechniken und Zeichenstile erlaubt. Es
können sogar schraffierte oder mehrfach überzeichnete Skizzen in Echtzeit
verarbeitet werden. Auch das Verschieben, Spiegeln, Modulieren und
Zusammenfügen von Linien ist ebenso möglich wie das Anlegen einer
parallelen Linie oder die automatische Erzeugung von Hilfslinien am Leisten.
Nach der Designerstellung am dreidimensionalen Leisten wird das Modell
vom künstlerischen Designer an den technischen Modelleur gegeben, der
eine computergestützte Vervollständigung der Designdaten vornimmt. Die
vom Leisten abgenommenen Designlinien liegen nach diesem Schritt in der
Ebene vor, wonach die Materialstücke zugeschnitten werden können. In
weiteren Arbeitsschritten werden die Materialien miteinander vernäht und alle
Details des Designs aufgebracht. Der komplette Arbeitsprozess benötigt oft
mehrere Wochen, bevor eine erste Variante des Schuhs vorgestellt werden
kann. Besonders im experimentellen Entwurfsprozess, in dem naturgemäß
viele Versuchsdesigns verworfen werden, lässt sich der
Bearbeitungsaufwand mit Hilfe der Schuhmodellierung der Chemnitzer
Informatiker deutlich reduzieren.
"Natürlich wird es künftig nicht soweit kommen, dass reale Musterstücke
nicht mehr gefertigt werden. Doch die Vorteile, die das virtuelle Schuhdesign
bietet, werden mit Sicherheit zum Tragen kommen. Die Designer können
sich virtuell in ihrer gewohnten Zeichentechnik austoben, die Modelle anhand
der Repräsentation beurteilen und dann entscheiden, was wirklich in die
Musterfertigung geht. Das ist ein klarer Zeit- und Kostenvorteil für die
Hersteller", betont Prof. Brunnett.
Die Chemnitzer Informatiker haben mit
ihrer Lösung bereits in der Schuhindustrie großes Interesse geweckt.
Pressemitteilung der Technischen Universität Chemnitz