Ruhr-Universität Bochum: Design-Algenzellen "arbeiten" als Bioreaktoren. Forscher und Firmen aus der Biotechnologie haben die Mikroorganismen im Blick. Denn in Kleinstlebewesen, etwa in Algen, steckt jede Menge Power
- wenn man technisch etwas nachhilft. Bochumer Biologen arbeiten zum
Beispiel an der Herstellung von neuen "Design-Algenzellen", die
Wasserstoff als natürliche Energie erzeugen und dabei 100mal effektiver
sind bisherige Mikroalgensysteme. "Getunte" Algen als Bioreaktor: Das
ist ein Beispiel von Hunderten für die vielfältigen Themen der
Mikrobiologie, etwa "grüne" und "weiße" Biotechnologie,
Grundlagenforschung und industrielle Anwendungen.
Einen Querschnitt
zeigt die Jahrestagung der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte
Mikrobiologie (VAAM) in diesen Tagen an der Ruhr-Universität Bochum.
Die umprogrammierte Alge
Algen als Bioreaktoren zu nutzen, ist nicht neu, die moderne Forschung
versucht vielmehr, ihre Leistungsfähigkeit zu steigern und so die
breite industrielle Anwendung zu ermöglichen. "Wenn wir alle
ehrgeizigen Parameter dieses Projekts verwirklichen, ließe sich in
Zukunft Biowasserstoff in großen Mengen zu marktfähigen Preisen
herstellen", sagt Prof. Dr. Matthias Rögner, Lehrstuhl für Biochemie
der Pflanzen der Ruhr-Universität Bochum, der das BMBF-geförderte
Projekt auf dem Gebiet der "grünen" Biotechnologie koordiniert. Der
Clou des Verfahrens: Die Forscher programmieren den Prozess der
pflanzlichen Photosynthese derart um, dass die Algen nicht mehr
Biomasse, sondern Bioenergie in Form von Wasserstoff erzeugen. "Diese
schrittweise Umgestaltung der Zelle wirkt sich auf den gesamten
Stoffwechsel aus und erfordert mehrere Jahre der Optimierung", so Prof.
Rögner.
Molekulare Werkzeuge für die "weiße" Biotechnologie
Gleich vier Arbeitsgruppen der Bochumer Fakultät für Biologie und
Biotechnologie forschen auf dem Gebiet der "weißen" Biotechnologie. Sie
optimieren Mikroorganismen für biotechnologische und industrielle
Prozesse, damit sich neue Produkte ressourcenschonend herstellen
lassen, zum Beispiel Medikamente. Dabei spielen Bakterien und Pilze
eine zentrale Rolle. Sie produzieren so genannte Sekundärmetaboliten:
Das sind Genprodukte, die der Organismus nicht unbedingt zum Leben
braucht, aber unter bestimmten Lebensbedingungen produziert. Die
pharmazeutische Industrie beispielsweise nutzt Mikroorganismen, um
Sekundärmetabolite wie Antibiotika, Immunsuppressiva oder Statine
(Senker des Blutcholesteringehaltes) herzustellen. "Derartige
mikrobielle Verfahren sind chemischen Prozessen oft sowohl ökonomisch
als auch ökologisch überlegen", sagt Prof. Dr. Ulrich Kück (Allgemeine
und Molekulare Botanik).
In Zusammenarbeit mit dem Christian Doppler
Labor "Biotechnologie der Pilze" entwickeln die Bochumer Forscher
"molekulare Werkzeuge", um Mikroorganismen geplant genetisch zu
verändern. "Die Produktionsstämme sind in der Regel genetisch instabil
und garantieren somit keine reproduzierbaren Ausbeuten bei komplexen
industriellen Produktionsprozessen", so Kück.
Grundlagenforschung: Ein Leck im Stickstoffkreislauf
Der Stickstoff-Kreislauf im Meer hat ein Leck: die Anaerobe
Ammoniak-Oxidation, kurz Anammox. Dieser von Bakterien verursachte
Prozess steht im Zentrum von Marcel Kuypers' Arbeiten, für die er den
diesjährigen VAAM-Forschungspreis erhält, dotiert mit 10.000 Euro.
Ursprünglich nur aus Bioreaktoren bekannt, wies Kuypers die
Anammox-Bakterien auch in der Natur nach. Mittlerweile konnten der
Forscher und seine Kollegen am Max-Planck-Institut für Marine
Mikrobiologie in Bremen zeigen, dass Anammox einer der Hauptprozesse
ist, durch den Stickstoff aus dem Meer entweicht. In sauerstoffarmen
Meeresregionen - so genannten Sauerstoffminimumzonen - setzen
Anammox-Bakterien Ammoniak zu gasförmigem Stickstoff um, der dann in
die Atmosphäre aufsteigt. So verlieren die Meere viele Nährstoffe, denn
Stickstoffverbindungen sind der Dünger für Algen und somit die
Grundlage für das gesamte Nahrungsnetz im Meer.
1.300 Teilnehmer, 172 Vorträge
Die Verleihung des VAAM-Forschungspreises ist ein Höhepunkt der
Jahrestagung in Bochum. Mit insgesamt 1.300 Teilnehmern, davon rund die
Hälfte Studierende und Doktoranden, die aus 29 Nationen kommen, freuen
sich die Veranstalter über eine Rekordbeteiligung. 172 Vorträge von
internationalen Experten decken das gesamte aktuelle Spektrum der
Grundlagen- und der anwendungsbezogenen Themen ab, ergänzt um rund 600
Poster-Präsentationen aus der Wissenschaft und 40 Firmen, die mit einem
Stand auf der begleitenden Industrieausstellung vertreten sind.
Die
Tagung, die noch bis zum 11. März läuft, leitet der Bochumer Biologe
Prof. Ulrich Kück.
Pressemitteilung der Ruhr-Universität Bochum