Sport als Mittel der Gewalt gegen Juden im Dritten Reich

Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover : An den 9. November 1938 kann sich Werner Hoffmann erinnern, als sei es gestern gewesen. Der 25-Jährige ist Jude, er liebt den Sport und ist Handballspieler. An diesem Tag vor gut 70 Jahren besucht er Freunde in einem kleinen Dorf, rund zehn Kilometer von Aurich entfernt. Es ist der Abend der Reichspogromnacht. Als er nach Hause fahren möchte, fällt er der Sturmabteilung (SA) in die Hände. Ein SA-Mann zwingt ihn, den Weg nach Aurich zurückzulaufen, so schnell es geht. Immer wenn Werner Hofmann zu Boden fällt vor Erschöpfung oder auch vor Angst, gibt es Schläge. Der SA-Mann fährt den gesamten Weg auf dem Motorrad neben ihm her und quält ihn.

Werner Hoffmann heißt heute Nathan Meron und lebt im Kibbuz Hashita in Israel. Der 95-Jährige steht mit seiner Geschichte nicht allein da. Andere Zeitzeugen berichten von älteren Menschen, die laufen mussten, bis sie physisch und psychisch am Ende waren, oder die Runde um Runde mit einer schweren Schubkarre auf der Aschenbahn drehen mussten.

Sport als Mittel der Gewalt ist einer von vielen Aspekten des Themas „Juden und Sport im Dritten Reich“, mit dem sich Prof. Lorenz Peiffer und Henry Wahlig vom Institut für Sportwissenschaft seit rund eineinhalb Jahren befassen. In den vergangenen zwölf Monaten haben die beiden Wissenschaftler zahlreiche Zeitzeugen im In- und Ausland befragt und sind dabei auf zahlreiche neue Aspekte des Themas gestoßen. So gab es bereits vor 1933 Turn- und Sportvereine, die ihre jüdischen Mitglieder ausschlossen.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 markierte dann gänzlich das Ende der Mitgliedschaft von Juden in deutschen Turn- und Sportvereinen. Fortan durften sich Juden nur noch in eigenen – rassisch streng getrennten – Vereinen und Verbänden organisieren. „Der Ausschluss aus dem Sportverein spielte eine ganz besondere Rolle im schrittweisen Exklusionsprozess der Juden“, erklärt Professor Peiffer. Sport sei eine gemeinsame sinnliche und emotionale Erfahrung, von der die Juden im Dritten Reich systematisch abgetrennt worden seien.

Auch über diesen Aspekt würden die Forscher gern mehr erfahren. Da die Ereignisse mittlerweile mehr als 70 Jahre zurückliegen, sind viele der Menschen, die in dieser Zeit gelebt haben, mittlerweile verstorben. Zeitzeugen, die etwas zum Thema „Juden und Sport“ beitragen können, sind gebeten, sich unter einer der angegebenen Telefonnummern oder per E-Mail an das Institut für Sportwissenschaft zu wenden.

Pressemitteilung der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover



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