Universität Kassel: "Nur wer sich in einer objektiv prekären Lebenssituation auch noch
gesellschaftlich überflüssig, abgehängt und ausgeschlossen fühlt, reagiert
auf seine missliche Lage mit Rückzug, Resignation, psychosomatischen Beschwerden und Selbstvernachlässigung - von mangelnder Körperpflege, sozialer Vernachlässigung, politischer Apathie bis hin zur Zeitverwahrlosung".
So fasst eine sozialwissenschaftliche Forschergruppe um
den Kasseler Psychologen Ernst Lantermann einen zentralen Befund ihrer
empirischen Studien über den Umgang mit prekären Lebenslagen zusammen -
nachzulesen in dem gerade erschienen Buch "Selbstsorge in unsicheren Zeiten
- Resignieren oder Gestalten".
Unsicherer Arbeitsplatz, ständige finanzielle Gratwanderung, ein
überstrapazierter Körper, fragile soziale Netzwerke: all dies kennzeichnet
den Lebensalltag vieler Menschen im Zeitalter der Globalisierung und der
globalen Krisen. Das Leben in Deutschland ist in den vergangenen Jahren
prekärer geworden, nicht nur an den Rändern der Gesellschaft, auch in der
Mittelschicht wächst die Sorge vor sozialem Abstieg und gesellschaftlicher
Deklassierung.
Das Buch beruht auf fünf - vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
sowie dem Hamburger Institut für Sozialforschung mit 1,5 Mio Euro
finanzierten - Studien der Autoren, in denen 4500 Personen aus dem gesamten
Bundesgebiet zu ihren Umgangsweisen mit unsicheren und prekären
Lebensereignissen interviewt wurden.
Die Erfahrung, gesellschaftlich abgehängt und überflüssig geworden zu sein,
stellt nach allen Befunden eine Schlüsselerfahrung in der
Auseinandersetzung mit prekären Lebenslagen dar.
Zwar befördert eine
objektiv schwierige, prekäre Lebenssituation bei vielen Menschen das Gefühl
eines gesellschaftlichen Ausschlusses (in der Sprache der Soziologie, der
gesellschaftlichen Exklusion), aber nicht bei allen Betroffenen! Wer sich
auf seine Fähigkeiten zur "Selbstorganisation" und
"Unbestimmtheitsregulation" verlassen kann und in seiner Biographie ein
hohes Selbst-, Zukunfts- und Sozialvertrauen entwickelt konnte, der ist
relativ gut gerüstet - wer über diese Ressourcen nicht verfügt, bei dem
schlagen objektiv prekäre Entwicklungen rasch um in Ausschlussgefühle,
andauernde Überforderung, psychosomatische Beschwerden und
Selbstvernachlässigung.
Dazu einige Zahlen: 46 Prozent der befragten
Personen ohne Vertrauen und hinreichende Fähigkeiten zur Selbstorganisation
und Unbestimmtheitsregulation sehen sich angesichts ihrer prekären
Lebenslage regelmäßig körperlich und mental überfordert, aber nur 2 Prozent
der Menschen mit ausgeprägten Fähigkeiten und Vertrauen, 55 gegenüber 15
Prozent leiden unter depressiven Verstimmungen.
Menschen ohne diese Ressourcen sind zudem einem über siebenfach höheren
Risiko ausgesetzt, angesichts unsicher werdender Zukunftsaussichten sich
auch noch gesellschaftlich ausgeschlossen zu empfinden und in ihrem Kampf
um Selbstbehauptung zu resignieren.
"Was tun?" - lautet die Überschrift des abschließenden Buchkapitels. Eines
ist gewiss: der von der gegenwärtigen Politik propagierte "aktivierende
Sozialstaat", der (nur noch) den Bürger unterstützt, der sein Schicksal
selbst in die Hand nimmt, findet seine Grenzen dort, wo es um Menschen
geht, denen es, aus welchen Gründen auch immer, gerade an denjenigen
Ressourcen mangelt, die ihnen eine selbstbewusste und offensive Veränderung
ihrer misslichen Lebenslage erst erlauben würden.
Doch ein weiteres Resümee aus den in diesem Buch berichteten, mit
zahlreichen Abbildungen erläuterten Forschungsergebnissen lässt hoffen:
Eine (objektiv) prekäre Lebenslage ist für die meisten Betroffenen (nach
den Studien sind es zwischen 70 und 80 Prozent) kein schlicht
hinzunehmendes Schicksal, sondern eine Herausforderung, ihre Fähigkeiten,
ihr Vertrauen in sich selbst, in ihre Zukunft und in andere Menschen und
Institutionen so zu nutzen, dass ihr Vermögen zur Selbstsorge und
selbstverantwortlichem Handeln gestärkt daraus hervorgeht. Die Ergebnisse
werden zuletzt noch einmal so zusammengefasst: "Selbstsorgendes Handeln in
unsicheren Zeiten setzt zweierlei voraus - zur Selbstsorge entschlossene
Menschen und eine Gesellschaft, die zur Selbstsorge ermuntert und auf
selbstsorgende, in diesem Sinne souveräne Menschen angewiesen ist, wenn sie
ihre eigenen Grundlagen nicht gefährden möchte."
Pressemitteilung der Universität Kassel