Selbstbestimmung am Lebensende – 1. Ethiktag an der Universitätsmedizin Mainz

Johannes Gutenberg-Universität Mainz : Unter dem Motto „Selbstbestimmung am Lebensende“ veranstaltet die Universitätsmedizin Mainz am Freitag, den 13. November 2009, ab 14.15 Uhr den 1. Ethiktag. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen dabei die neue gesetzliche Regelung zum Umgang mit dem Patientenwillen und Patientenverfügungen. Ziel ist es, den Umgang mit Patientenverfügungen nicht nur entsprechend der neuen Gesetzeslage zu gestalten, sondern die Kultur des ethisch sensiblen Umgangs und der Unterstützung von Patienten und ihren Angehörigen in schwerer Krankheit oder am Lebensende weiter zu fördern.

Der erste Teil der Veranstaltung richtet sich vor allem an ein Fachpublikum aus Forschung, Versorgung und Pflege. Dieser wird von Klaus Kutzer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof a. D. und entscheidender Akteur bei der Gesetzgebung zur Patientenverfügung, mit einem Vortrag zur neuen Gesetzeslage eröffnet. Aus ethischer Sicht kommentiert Univ.-Prof. Dr. Norbert W. Paul, Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universitätsmedizin Mainz, die neuen Rechtslage. Anschließend beleuchten Kleingruppen in zwei Workshops aktuelle Fälle nach ethischen, medizinischen und rechtlichen Kriterien. Der Ethiktag schließt mit einem öffentlichen kostenfreien Abendvortrag des renommierten Mediziners, Ethikers und Philosophen George J. Agich aus den USA ab. Hierzu sind alle Interessierten herzlich eingeladen. Veranstaltungsort ist der Hörsaal der Hautklinik (Geb. 401) in der Universitätsmedizin Mainz, Langenbeckstr. 1. Musikalisch wird das Rahmenprogramm von dem international bekannten Cellisten Sonny Thet gestaltet.


Hinter §1901 des Betreuungsrechts verbirgt sich die seit dem 1.September 2009 geltende Regelung zur Patientenverfügung. Sie sorgt zwar für mehr Rechtsicherheit der Beteiligten, in der konkreten Umsetzung stellt sie diese aber häufig vor unerwartete Hürden. „In der klinischen Praxis erleben wir es oft, dass eine Patientenverfügung ungenau und medizinisch uninformiert verfasst ist. Damit ist es schwierig, sie auf die konkrete Situation des Patienten zu beziehen. Darüber hinaus sind viele der benannten Bevollmächtigten oder Betreuer durch eigene Emotionen oder auch durch eigene Interessen überlagert und so nur schwer in der Lage, dem Willen des Patienten zu entsprechen und ausschließlich in dessen bestem Interesse zu entscheiden“, erläutert Univ.-Prof. Dr. Norbert W. Paul, M. A., Vorsitzender des Ethikkomitees der Universitätsmedizin Mainz und Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, den Hintergrund des 1. Ethiktags.

„Daher ist es uns beim ersten Ethiktag der Universitätsmedizin Mainz vor allem wichtig, konkrete Fragen aus der Praxis zu klären. Daher werden wir in Kleingruppen die Erstellung einer Patientenverfügung ebenso diskutieren wie den Umgang mit formal und inhaltlich sehr unterschiedlichen Dokumenten, mit denen wir konfrontiert sind“, ergänzt Dr. Gertrud Greif-Higer, Geschäftsführerin des Ethikkomitees der Universitätsmedizin Mainz.

„Dass wir uns der Umsetzung der neuen Gesetzeslage zur Patientenverfügung aktiv annehmen, zeigen wir mit der Veranstaltung des ersten Ethiktags an der Universitätsmedizin Mainz. Unser Ziel ist es dabei langfristig sein, einen einheitlichen und sicheren Umgang mit der neuen Gesetzeslage klinikweit zu etablieren. Dies ist für uns auch ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer neuen Versorgungskultur“, betont Univ.-Prof. Dr. Norbert Pfeiffer, Medizinischer Vorstand und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Mainz.



Zu den Referenten:

Klaus Kutzer, Richter a.D.
K. Kutzer trat 1966 in den Höheren Justizdienst ein und wurde 1969 an das Bundesministerium der Justiz abgeordnet. Nach Tätigkeiten als Richter mit Abordnungen an die Bundesanwaltschaft und als Leitender Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Göttingen wurde er 1982 zum Richter am Bundesgerichtshof ernannt, ab 1995 als Vorsitzender. Nachdem er 2001 in den Ruhestand getreten war, leitete er ab 2003 die von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries eingesetzte Arbeitsgruppe „Patientenautonomie am Lebensende“. Die Arbeitsgruppe befasste sich mit Fragen der Verbindlichkeit und Reichweite von Patientenverfügungen und hat am 10. Juni 2004 ihren Abschlussbericht vorgelegt. Bekannt wurde er auch durch sein Engagement in der Hospizbewegung.

Norbert W. Paul, Univ. Prof. Dr. (MA)
Nach Forschungsaufenthalten an der Georgetown University in Washington, DC (USA) und an der University Nijmegen (NL) sowie einer Gastprofessur an der Stanford University, Palo Alto, CA (USA) war Paul als Mitglied des wissenschaftlichen Vorstands an der Charité, Berlin tätig. Nach seiner Habilitation 2003 übernahm er die Position des stellvertretenden Direktors des Instituts für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Im April 2004 wurde er auf den Lehrstuhl für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz berufen. Er ist Mitglied der Expertengruppe “Impacts of New and Emerging Health Care Technologies“ der OECD in Paris und der Ethikkommission der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz. Er gehört dem Ethikkomitee der Universitätsmedizin Mainz seit der Gründung 2004 an und wurde 2009 zum Vorsitzenden gewählt.

George J. Agich, Prof. of Philosophy

Nach Studien der Philosophie und Englisch graduierte G. Agich 1976 zum Ph.D. Seit 2005 ist er Professor für Philosophie, Senior Research Fellow im Social Philosophy & Policy Center und Director of the BGeXperience Program an der Bowling Green State University, Ohio (USA). Er ist auch als Professor für Klinische Medizin an der School of Medicine der Ohio State University tätig, als Professor of Bioethics an der Case Western Reserve University School of Medicine und war Chairman von 1997 bis 2004 des Departments of Bioethics mit einer Berufung an das Transplantations-Zentrum der Cleveland Clinic Foundation (CCF), Cleveland, Ohio. Seine Forschungsbereiche umfassen Autonomie und Abhängigkeit im Alter, Hirntod, Organspende, Transplantation, Ethik innovativer Behandlungen, Ethik bei Langzeitbehandlungen, Qualitätsverbesserung und Forschungsethik, klinische Ethik und Ethikberatung.

Sonny Thet, freier Solo-Cellist, Komponist und Musikpädagoge

Der in Kambodscha geborene Sonny Thet ist bekannt für seinen unverwechselbaren Stil, der Khmer-Pentatonik mit europäischer Klassik, Jazz- und Rockelementen verbindet. Er wirkte bei zahlreichen aufwändigen musikalischen und multimedialen Projekten mit und komponierte auch Filmmusik. Sonny Thet hat eine Reihe von CDs vorgelegt und arbeitet gegenwärtig unter anderem mit der Gruppe „Söhne Mannheims“.

Pressemitteilung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz



© www.hochschulnachrichten.com   Dienstag, 10. November 2009 11:00 c.kexel

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