PROREAD-Studie "Besser lesen lernen in Europa"

Ludwig-Maximilians-Universität München : Jedes fünfte Kind in der EU zeigt schwache Leseleistungen. Um leseschwache Kinder und deren Unterstützung genauer zu untersuchen, rief Leo Blomert, Professor an der Universität Maastricht in der Disziplin Kognitive  Eurowissenschaften, das europäische Forschungsprojekt PROREAD ins Leben. Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum der Universität München, koordinierte das Teilprojekt "Schulische Unterstützungssysteme". Die Ergebnisse der EU-geförderten Studie geben der Bildungspolitik Impulse für die Verbesserung der Unterstützungssysteme für leseschwache Kinder.

Für einen erfolgreichen Erwerb der Lesefähigkeit werden verschiedene kognitive Fähigkeiten benötigt. Trotz der Unterschiede in den europäischen Sprachen spielen diese Fähigkeiten in allen untersuchten Sprachen eine ähnliche Rolle - effektive Förderprogramme sind also international übertragbar. Diese Übertragbarkeit und die Unterschiede in den schulischen Unterstützungssystemen der an der Studie teilnehmenden Länder ermöglichten, dass die Effektivität dieser Systeme untersucht werden konnte. Die Studie liefert Beweise dafür, dass sich die schulische Unterstützung leseschwacher Kinder an Schüler und deren Lehrkräfte richten sollte, denn die Effektivität eines Unterstützungssystems verringert sich deutlich, wenn nur eine der beiden Gruppen unterstützt wird. Zudem ist ein regelmäßiger Austausch
zwischen den unterschiedlichen Fachkräften (Lehrer, Förderlehrer, Diagnostiker) notwendig, um optimale Unterstützung zu erzielen. "Fehlende Unterstützung in der Diagnostik, fehlende Ressourcen für die Leseförderung in der Schule und fehlende Ansprechpartner für die Leseförderung in den Schulen sind die größte Probleme, über die deutsche Lehrkräfte berichten", erläutert Professor Schulte-Körne. "In Finnland, wo ein deutlich geringer Anteil der Schüler leseschwach ist, ist die Unterstützung der Lehrkräfte und die Kooperation der Fachdisziplinen wie Pädagogik, Psychologie und Medizin deutlich besser."

In der Lernforschung wurde bislang angenommen, dass beim Lesenlernen in relativ transparenten Sprachen, zum Beispiel Ungarisch, und weniger transparenten Sprachen, etwa Französisch, unterschiedliche kognitive Fähigkeiten eine Rolle spielen. In einer transparenten Sprache wird einem Buchstabe mit nur wenigen Ausnahmen immer der gleiche Laut zugeordnet, während in weniger transparenten Sprachen ein Buchstabe mehrere Laute repräsentieren kann. Die Ergebnisse der PROREAD-Studie zeigen jedoch, dass in den unterschiedlichen Sprachen vergleichbare Fähigkeiten beim Lesenlernen von Bedeutung sind. Die Sprache beeinflusst lediglich die Schnelligkeit, mit der die Kinder lesen lernen: In relativ transparenten Sprachen verläuft das Lesenlernen schneller als in weniger transparenten Sprachen.

Die Ergebnisse der Studie basieren auf individuellen Testdaten von 3.000 Kindern aus sechs EU-Mitgliedstaaten: Deutschland, Niederlande, Finnland, Frankreich, Ungarn und Portugal. Zusätzlich wurden Angaben von 6.500 (Förder-)Lehrkräften erhoben. Die Ergebnisse beeinflussen nicht nur wissenschaftliche Theorien zur Leseschwäche, sondern sind auch für die Bildungspolitik von Bedeutung. Durch eine Verbesserung der Unterstützung der zahlreichen leseschwachen Kinder innerhalb der EU können schwerwiegenden Folgen sowohl für die betroffenen Kinder als auch für die Gesellschaft vermindert werden. Für Deutschland bedeuten diese Ergebnisse, dass in der Grundschule und vor allem in den weiterführenden Schulen die Unterstützung der Lehrkräfte in der Leseförderung deutlich verbessert werden muss. "Wir benötigen dringend evaluierte schulische Förderkonzepte für die
Leseförderung, mehr Unterstützung für die Lehrkräfte und eine verbesserte
Kooperation der verschiedenen Fachdisziplinen, um die Anzahl leseschwacher
Schüler in Deutschland deutlich zu senken", fasst Professor Schulte-Körne die
Ergebnisse der Studie zusammen.

Download des Ergebnisberichts:

http://ec.europa.eu/education/transversal-programme/doc950en.htm

Pressemitteilung der Ludwig-Maximilians-Universität München



© www.hochschulnachrichten.com    c.kexel

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