Geburtsmaschinen und Reproduktionen

Eine Einführung in die ambulante Wissenschaft! Vortrag von Martina Schlünder in der Reihe "Gender in der Medizin - Fragestellungen der Reproduktionstechnologien" am Dienstag, 3. Februar

 Der jüngste Assistenzarzt der Freiburger Frauenklinik und spätere Ordinarius für Frauenheilkunde August Mayer durchlebte 1901 ein Geburtstrauma der besonderen Art: Er wurde in eine der Geburtsmaschinen geschoben, die Anfang des 20. Jahrhunderts der physiologischen Erforschung der Geburtsmechanik dienten. Im Inneren dieser Maschinen wurde der – unter mechanischen Gesichtspunkten – höchst komplizierte Vorgang nachempfunden, den Kinder während der Geburt im Körper der Mutter durchlaufen: die Rotationen, die Haltungs- und Stellungswechsel, die die besonderen anatomischen und topologischen Eigenschaften des mütterlichen Geburtskanals dem kindlichen Körper abverlangen. August Mayer verfasste über seine "Reise" durch das Innere der Geburtsmechanik einen Text, der Referentin Martina Schlünder als Exkursionsbasis für ihren Vortrag "Geburtsmaschinen und Reproduktionen. Eine Einführung in die ambulante Wissenschaft" am Dienstag, 3. Februar, im Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz dient.


Dr. med. Martina Schlünder, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Geschichte der Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen, untersucht in ihrem Vortrag die verschiedenen Reproduktionsmechanismen des Lebendigen, des Wissens, der Disziplinen und der Geschlechter in der damaligen Forschungspraxis, der Klinik und der akademischen Institution und fragt nach dem Fortbestand und der Gültigkeit dieser Mechanismen. Dabei ist es nicht vorrangig, diese Episode aus der Experimentalisierung eines klinischen Fachs historisch in die Geschichte der Geburtshilfe einzuordnen, sondern die sogenannte "ambulante Wissenschaft" als eine Methode vorzustellen, die es ermöglichen soll, neue interdisziplinäre Forschungsfelder zu eröffnen und dabei vor allem die komplexe Beziehung zwischen Theorie/Begriff der "Reproduktion" und Praxis in den Blick zu bekommen.

Zur Referentin:

Dr. med. Martina Schlünder studierte Medizin in Berlin und Brasilien mit klinischer Arbeit in der Neurologie und Psychiatrie. Sie promovierte 2007 in Medizingeschichte an der Charité-Berlin mit einer Arbeit zur Geschichte der Experimen­talisierung der Geburtshilfe. Sie bekleidete akademische Positionen u.a. als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin der Berliner Charité und war Research Fellow am Department für Social Studies of Medicine an der McGill University im kanadischen Montréal. Seit 2006 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Geschichte der Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen mit dem Forschungsprojekt "Geschichte des Wissens- und Technologietransfers zwischen Human- und Veterinärmedizin und die Geschichte der Tier-Mensch-Beziehungen am Beispiel der Unfallchirurgie 1950-2000" in Kooperation mit dem Projekt "Patients, Models, Therapeutic Agents: Human-Animal Relationships in Western Health Care".

Pressemitteilung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz



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