Ruhr-Universität Bochum: Wo die Autobahn achtstreifig ist, ereignen sich seltener Staus und Störungen als auf schmaleren Autobahnen. Das ist eines der Ergebnisse der Dissertation "Verkehrsablauf und Verkehrssicherheit auf Autobahnen mit vierstreifigen Richtungsfahrbahnen", für die Dr.-Ing. Justin Geistefeldt (Lehrstuhl für Verkehrswesen, Prof. Dr. Werner Brilon) mit
dem Gert-Massenberg-Preis ausgezeichnet wurde. Voraussetzung dafür,
dass der Verkehr glatt läuft, sind frühe Wegweiser vor Knotenpunkten,
damit die Fahrer rechtzeitig Gelegenheit haben, sich einzuordnen. Die
Dissertation, für die Geistefeldt unter anderem neue mathematische
Verfahren weiterentwickelt hat, ist die erste Untersuchung
achtstreifiger Autobahnen in Deutschland.
Erste umfassende Analyse vierstreifiger Fahrbahnen in Deutschland
Autobahnen mit vier Fahrstreifen pro Fahrtrichtung sind in Deutschland
bislang wenig verbreitet. Einzelne Abschnitte gibt es in den
Ballungsräumen Frankfurt/Main, München und Köln. Durch die steigende
Verkehrsbelastung auf Autobahnen gewinnt der achtstreifige Ausbau
allerdings an Bedeutung. Wie sollen Verkehrsplaner solche Autobahnen
planen? Was gilt es zu berücksichtigen?
Um diese Fragen zu beantworten,
analysierte Justin Geistefeldt am Lehrstuhl für Verkehrswesen der RUB
erstmals umfassend den Verkehrsablauf und die Verkehrssicherheit auf
Autobahnen mit vierstreifigen Richtungsfahrbahnen.
Pkw und Lkw kommen sich nicht ins Gehege
Als Grundlage nutzte er Daten von Dauerzählstellen, die den Verkehr
durch Induktionsschleifen in der Fahrbahn automatisch erfassen. Den
Zusammenhang zwischen Verkehrsbelastung und Geschwindigkeit sowie die
Aufteilung des Verkehrs über die vier Fahrstreifen modellierte er
mathematisch. Für die Ermittlung der Kapazität vierstreifiger
Fahrbahnen nutzte er neuartige stochastische Methoden und entwickelte
sie weiter. "Mit diesen Verfahren kann man die Wahrscheinlichkeit
berechnen, dass bei einer bestimmten Verkehrsstärke ein Stau ausgelöst
wird", erklärt Justin Geistefeldt. Es zeigte sich, dass vierstreifige
Fahrbahnen besonders effizient sind, weil sich Pkw- und Lkw-Verkehr
nicht ins Gehege kommen. Vor allem die beiden linken Fahrstreifen, auf
denen überwiegend Pkw fahren, können dadurch sehr hohe Verkehrsmengen
aufnehmen. "Diese Ergebnisse der Analyse stochastischer Eigenschaften
der Kapazität haben das Potenzial, zu einer grundlegenden
Neuausrichtung der Verfahren für die verkehrstechnische Bemessung von
Straßen beizutragen", sagt Prof. Werner Brilon, der die Arbeit
betreute.
Frühe Wegweiser können Stau vermeiden
Um Rückschlüsse auf die optimale Planung achtstreifiger Autobahnen
ziehen zu können, analysierte Justin Geistefeldt das Fahrverhalten
näher. Dabei halfen Videomessungen. Die Auswertung der
Fahrstreifenwechsel der aus- und einfahrenden Fahrzeuge an
Anschlussstellen und Autobahnkreuzen ergab, dass sich die meisten
Verkehrsteilnehmer sehr früh entsprechend ihrem Fahrtziel einordnen.
"Bei dichtem Verkehr kann das zu Störungen vor dem Knotenpunkt führen",
erläutert er. "Die Fahrstreifenmarkierung und Wegweiser an hoch
belasteten Verzweigungspunkten sollten daher so geplant werden, dass
sich die Fahrstreifenwechsel vor der Ausfahrt möglichst gleichmäßig
verteilen."
Auf der Grundlage seiner empirischen Erkenntnisse zum
Verkehrsablauf kalibrierte er ein Simulationsprogramm, mit dem das
Verhalten der einzelnen Fahrzeuge im Verkehrsstrom nachgebildet wird.
Diese Simulation hilft Verkehrsplanern, beim Entwurf von
Verkehrsanlagen die Konsequenzen der Planung auf den Verkehrsablauf
realistisch zu beurteilen.
Achtstreifige Autobahn ist überdurchschnittlich sicher
Die Verkehrssicherheit auf achtstreifigen Autobahnen analysierte er am
Beispiel der A 5 zwischen Frankfurt/Main und Darmstadt. Obwohl die
Fahrbahn so breit ist und mit hohen Geschwindigkeiten befahren wird,
ist das Unfallrisiko hier nicht höher als auf schmaleren Autobahnen, im
Gegenteil: Im Vergleich zum Durchschnitt der Bundesautobahnen ist die
achtstreifige Untersuchungsstrecke sogar überdurchschnittlich sicher.
Entsprechend schätzten auch die Verkehrsteilnehmer, die Justin
Geistefeldt ergänzend befragte, das Fahren auf vierstreifigen
Fahrbahnen als unproblematisch ein.
Pressemitteilung der Ruhr-Universität Bonn