Universität Kassel: Mit der Ehrendoktorwürde für Politikwissenschaft ist heute Dr. h.c. mult. Juan Somavia, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labour Organization - ILO), an der Universität Kassel ausgezeichnet worden. Damit wurde Juan Somavias wissenschaftliches Werk gewürdigt, das ein eindrucksvolles Zeugnis des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Engagements Juan Somavia für die Gestaltung von menschenwürdiger Arbeit unter den Bedingungen der Globalisierung darstellt.
Zugleich würdigte die
Universität Somavias Eintreten für eine gerechte Sozialordnung. Der
Präsident der Kasseler Universität, Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep sagte
dazu: "Mit Juan Somavia wird eine Person ausgezeichnet, die mit ihrem
wissenschaftlichen Werk und ihrem politischen Engagement in Internationalen
Organisationen ganz entscheidend zur internationalen Sozialordnung als
wissenschaftlichem Gegenstand und als politisches Handlungsfeld beigetragen
hat."
Wieczorek-Zeul: "Soziales Gewissen der Menschheit"
Die Beachtung und Wertschätzung von Somavias wissenschaftlichem und
politischem Wirken wurde auch durch die Aufmerksamkeit deutlich, die die
Bundesregierung der feierlichen Auszeichnung schenkte. Mit Heidemarie
Wieczorek-Zeul, Ministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung, und Staatssekretär Dr. Günther Horzetzky vom Bundesministerium
für Arbeit und Soziales waren gleich zwei Regierungsmitglieder nach Kassel
gekommen. "Juan Somavia gehört zu den wenigen Menschen, von denen man mit
Fug und Recht sagen kann: Sie sind das soziale Gewissen der Menschheit. Ich
danke ihm für sein unermüdliches Engagement als Generaldirektor der
Internationalen Arbeitsorganisation. Und ich freue mich, dass ich seit
vielen Jahren mit ihm zusammenarbeiten darf", sagte Frau Wieczorek-Zeul in
ihrem Grußwort.
Eine enge inhaltliche Verbindung der Universität Kassel zu Somavias Arbeit
besteht vor allem über das Fach Politikwissenschaft im Fachbereich
Gesellschaftswissenschaften, zu dessen Forschungsthemen deutsche und
europäische Sozialpolitik, internationale Sozialfonds und die Durchsetzung
internationaler Kernarbeitsnormen gehören.
Seit 2004 wird hier der
interdisziplinäre Studiengang Labour Policies and Globalisation angeboten,
und seit 2007 betreut das von den Fachgebieten "Internationale und
intergesellschaftliche Beziehungen" und "Globalisierung & Politik"
geleitete Graduiertenkolleg Global Social Policies & Governance Promotionen
im Bereich internationaler Sozialpolitik. Die Laudatio für Somavia hielt
der Leiter des Fachgebiets Globalisierung & Politik, Prof. Dr. Christoph
Scherrer, der hervorhob, dass Somavia in seinem Werk überzeugend die
Notwendigkeit eines Kernbereichs internationaler Arbeitsstandards begründe,
die auch unter Berücksichtigung von Globalisierung und unterschiedlichen
Lebensstandards in den betroffenen Ländern nicht unterschritten werden
dürften.
Akademische Karriere und politisches Engagement
Die akademische Laufbahn begann Juan Somavia mit einem Studium der
Rechtswissenschaften an der Katholischen Universität von Chile in Santiago
und einem postgradualen Studium der Wirtschaftswissenschaften an der
Sorbonne. Die akademische Lehrtätigkeit nahm er 1967 in Genf auf, wo er für
das Sekretariat des GATT Seminare zu handelspolitischen Fragen durchführte.
Nach einer zweijährigen Tätigkeit als Botschafter Chiles in Genf für
internationale Wirtschaftspolitik wurde er 1971 im Alter von 30 Jahren zum
Professor für Internationale Wirtschafts- und Sozialbeziehungen am
Fachbereich Politische Wissenschaften der Katholischen Universität von
Chile ernannt. Der Militärputsch im September 1973 beendete seine
universitäre Einbindung. Er ging nach Mexiko ins Exil und gründete dort das
Instituto Latinoamericano de Estudios Transnacionales (ILET), dessen
Direktor er von 1976 bis 1990 war. Schwerpunkt seiner Veröffentlichungen
während seiner Professur in Santiago und am Institut in Mexiko waren die
asymmetrischen Machtverhältnisse im internationalen Handelssystem, so war
er Co-Autor des 1975 erschienenen Dag Hammarskjold Report What Now: Another
Development und des Rio Report Reshaping International Order (1977).
Seine akademische Karriere war von Anfang an verflochten mit hohem
politischem Engagement.
Noch während seines Studiums begann er eine
Diplomatenkarriere im chilenischen Außenministerium. Zur Zeit seiner
Professur war er zugleich Generalsekretär der Freihandelsvereinigung für
Lateinamerika und Botschafter Chiles bei der Anden Gruppe. Im Exil war
Somavia Präsident der Concertacion para la democracacia und Generalsekretär
der südamerikanischen Friedenskommission (1986-1990), die den
Demokratisierungsprozess in Chile von außen nachhaltig unterstützte. Die
erste frei gewählte Regierung nach Pinochet ernannte Somavia zum
UNO-Botschafter (1990-1999). 1999 trat er als erster Vertreter der
südlichen Erdhälfte das Amt des Generaldirektors der ILO an. Seit
Amtsantritt hat er das Profil der ILO durch eine Konzentration auf
Kernarbeitsnormen geschärft. Die Zahl der Ratifikation von ILO-Konventionen
stieg signifikant an.
Die ILO beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der sozialen Dimension der
Globalisierung. In diesem Zusammenhang ist besonders das Arbeitsfeld
"Decent Work" zu nennen. Hier geht es darum, weltweit die Schaffung der
Bedingungen für menschenwürdige Arbeit zu fördern.
Die angesprochene
soziale Dimension lässt sich auch als wichtige Handlungsleitlinie der
deutschen Bundesregierung ausmachen. Als drittgrößter Beitragszahler der
ILO verfolgt die Bundesrepublik Deutschland ebenfalls die Ziele von "Decent
Work". Dies war erst kürzlich Thema beim Besuch von Juan Somavia bei
Kanzlerin Merkel im Februar.
Pressemitteilung der Universität Kassel