Der Tempel als Kanon der religiösen Literatur Ägyptens

Eberhard Karls Universität Tübingen : In das Akademienprogramm 2010 der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften wurde ein langfristiges Forschungsvorhaben der Heidelberger Akademie der Wissenschaften an der Universität Tübingen aufgenommen. Unter dem Titel "Der Tempel als Kanon der religiösen Literatur Ägyptens" wird eine von Prof. Dr. Christian Leitz, Institut für die Kulturen des Alten Orients, Abteilung Ägyptologie, geleitete Forschungsstelle an der Universität Tübingen eingerichtet. Ziel des Forschungsvorhabens wird die inhaltliche Erschließung der sogenannten Tempeltexte sein, die das größte und bei allen zeitlichen und geographischen Unterschieden zusammengehörenden Textkorpus Altägyptens darstellen. Das besondere an diesem Korpus ist neben dem Umfang und dem häufig hervorragenden Erhaltungsbestand, dass sich nahezu alle Inschriften und Darstellungen noch an ihren ursprünglichen Ort befinden. Das Projekt ist auf zunächst zwölf Jahre angelegt und wird mit über 300 000 Euro pro Jahr gefördert.

Dieses ägyptologische Forschungsprojekt ist damit das zweite Großprojekt der Heidelberger Akademie im Bereich Archäologie/Altertumswissenschaften, das an der Universität Tübingen angesiedelt ist: Bereits im vergangenen Jahr startete das Projekt "The Role of Culture of Early Expansion of Humans".

Nachdem im Jahr 332 v. Chr. Alexander der Große Ägypten erobert und 306 sein ehemaliger General Ptolemaios die Dynastie der Ptolemäer begründet hatte, setzte schon unter den ersten Herrschern überall im Land ein gewaltiges Bauprogramm ein, das im großen Stil durchgeführt wurde und über 400 Jahre lang bis in das 2. nachchristliche Jahrhundert andauern sollte. Die Tempel wurden in bis dahin nicht gekanntem Umfang mit Inschriften versehen, die mannigfaltige Aufschlüsse zu Kult- und Festgeschehen, religiöser Topographie, Mythen und Göttergruppen, Baugeschichte und Raumfunktionen bieten. Auch wenn der größte Teil dieser Bauwerke nicht mehr erhalten ist, so sind mittlerweile doch schon mehr als 10.000 Seiten hieroglyphischer Text aus diesen von manchen als Bibliotheken aus Stein bezeichneten Tempeln publiziert. Zu den bekannten fünf großen Tempeln (Dendara, Esna, Edfu, Kom Ombo und Philae) gesellt sich als sechster der von Athribis, der seit einigen Jahren von einem deutsch-ägyptischen Team unter Tübinger Leitung (Christian Leitz, Rafed El-Sayed, Yahya El-Masry) freigelegt und publiziert wird.
Beabsichtigt ist in dem Akademieprojekt eine schrittweise inhaltliche Erschließung dieses größten und bei allen zeitlichen und geographischen Unterschieden doch zusammengehörenden Textkorpus Altägyptens. Diese Tempeltexte gehören bislang - trotz großer Anstrengungen einzelner - zu den am meisten vernachlässigten Bereichen der Ägyptologie. Das Einzigartige an diesem Korpus ist neben dem Umfang und dem häufig hervorragenden Erhaltungszustand nicht zuletzt die Tatsache, dass sich im Gegensatz zu meist aus dem Handel stammenden Papyri nahezu alle Inschriften und Darstellungen noch an ihrem ursprünglichen Anbringungsort befinden.

Das neue Projekt der Heidelberger Akademie der Wissenschaften an der Universität Tübingen hat sich drei große Ziele gesetzt:

  1. eine Klassifizierung, d.h. eine Form-, Motiv-, Struktur- und Inhaltsanalyse des überaus vielfältigen Textmaterials: Hier wird eine umfassende Datenbank erstellt als Arbeitsgrundlage für die weitere Arbeit, die vor allem eine Herausarbeitung der einzelnen Gattungen beabsichtigt, welche der Eigenbegrifflichkeit ägyptisch religiöser Texte Rechnung trägt.
  2. die Analyse der Texte, die auf verschiedene Weise erfolgen wird: Ein erstes Feinziel ist hier die Funktionsbestimmung der Texte unter Berücksichtigung ihres Anbringungsortes. Dabei geht es um die Wechselbeziehungen von Text und Architektur. Ein zweites Feinziel ist die Verankerung dieser Texte innerhalb der Tradition der religiösen Literatur Ägyptens. Es sollen Antworten gefunden werden auf die Frage, ob es Vorläufer dieser Texte in inhaltlicher, formaler und funktionaler Hinsicht gibt. Das dritte und letzte Feinziel betrifft ein in der Ägyptologie weitgehend vernachlässigtes Feld: Die Erschließung der altägyptischen Philologie, die sich auch mit der symbolisch/allegorischen Ausdeutung der Hieroglyphen beschäftigen wird.
  3. eine Gesamtdeutung der Texte, die sich mit der Art der Kodifizierung der religiösen Traditionen Ägyptens in den Tempeln der griechisch-römischen Zeit beschäftigt. Selbst wenn man auf Grund der aufs Ganze gesehenen wenigen Paralleltexte in den verschiedenen Tempeln wohl nicht von einem Kanon religiöser Texte im Sinne einer allgemeinen Verbindlichkeit reden kann, so soll doch der Frage nachgegangen werden, ob es nicht auf einer höheren Ebene der Funktion eine Verbindlichkeit im Bereich der Tempeldekoration gegeben hat. Diese noch herauszuarbeitende überregionale Verbindlichkeit soll kontrastiert und dadurch deutlicher sichtbar gemacht werden durch die Bestimmung der lokalen Eigenheiten der unterschiedlichen Kultzentren Ägyptens, soweit diese eben noch durch die erhaltenen Tempeltexte greifbar sind.

Pressemitteilung der Eberhard Karls Universität Tübingen



© www.hochschulnachrichten.com    c.kexel

Bewerten Sie diesen Artikel

Aktionen

Architektur

Ausstellungen

Bauprojekte

Geologie

Geschichte

Gesellschaft

Handel

Hochschule allgemein

IT

Jura

Kooperationen

Kunst

Lehre

Linguistik

Literatur

Maschinenbau

Medien

Medizin

Namen & Leute

Naturwissenschaft

Pädagogik

Philosophie

Politik

Preise

Psychologie

Stipendien

Tagungen

Technik

Theologie

Umwelt

Veranstaltungen

Verkehr

Veröffentlichungen

Vorträge

Wirtschaft

aktuell



An der accadis Hochschule Bad Homburg Management studieren

HN.com durchsuchen:

  

© 2018 Hochschulnachrichten,  Alle Rechte vorbehalten.  Impressum | Anmelden